BBZ-Serie: Orientierungshilfen für chronisch Kranke

Chronische Krankheit und seelische Herausforderungen

von: Antje Szardning

Heute sind vielleicht 20% aller Deutschen von den immer ernster zu nehmenden chronischen Krankheiten betroffen. Man spricht von einer chronischen Krankheit, wenn sie länger als 4 Wochen dauert. In den meisten Fällen ist sie nicht heilbar.

Zu den häufigsten gehören zum Beispiel Asthma, Rheuma, Diabetes, Erkrankungen des Verdauungssystems, neurologische Erkrankungen, Bluthochdruck und Krebs. Chronische Erkrankungen treten in unserer Gesellschaft verstärkt im Alter auf – sogar mit steigender Tendenz. Die Gründe dafür sind sehr vielschichtig: Zu nennen sind vor allem der Lebensstil, die höhere Lebenserwartung (Frauen: 81, Männer: 75 Jahre), aber auch eine stetig steigende Anreicherung von Umweltschadstoffen im Körper mit zunehmendem Alter.
Ein weiterer Grund sind die heute höheren Überlebenschancen bei einer schweren Erkrankung aufgrund des medizinischen Fortschritts.

Die zwei Wege

Im höheren Alter treten oft mehrere chronische Krankheiten gleichzeitig auf. Auch ist die Krankheitssituation sehr komplex. Phasen der Prävention wechseln sich ab mit Phasen der Heilung bei akuten Krankheitsschüben sowie Phasen der Pflege und Rehabilitation.
Eine chronische Krankheit kann durchaus als Lebenskrise gesehen werden.
Im Umgang der Betroffenen mit ihrer Krankheit lassen sich im Allgemeinen 2 „Wege“ beobachten:

1. Die Krankheit bestimmt das ganze weitere Leben; ein neues, aktives gelingt nicht mehr.

2. Ein neues, sinnvolles Leben mit der Krankheit gelingt. Die positive Seite wird wieder sichtbar.

Es werden auch immer starke seelische Belastungen hervorgerufen – sowohl bei Patienten als auch den Angehörigen. Gefühle, die bei Betroffenen herauskommen und „hochschießen“, werden oft an Angehörige weitergegeben.
Ein verändertes Selbstbild und Selbstbewusstsein erzeugen zudem Probleme gegenüber dem sozialem Umfeld.

Seelische Herausforderungen

Bekannt ist, dass die Psyche die Gesundheit beeinflusst. Umgekehrt wirken sich aber auch körperliche Probleme auf das psychische Befinden aus. Es werden Gefühle und Grundstimmungen wie Traurigkeit, Angst, Ärger oder Scham erzeugt. Sie beeinflussen wiederum den Verlauf der Erkrankung. Weitere Krankheiten können hinzukommen.
Zusätzlich lassen sich noch oft Depressionen und „Stimmungstäler“ beobachten. Diese schwierige Situation stellt erhöhte Anforderungen an die psychologische und psychotherapeutische Behandlung.

Die starken seelischen Belastungen äußern sich zum Beispiel so, dass im Leben feststehende Komponenten wie Geborgenheit, Ordnung und Normalität nicht mehr erkennbar sind. Das Leben verläuft plötzlich in einer anderen Richtung. Deshalb hilft nun ein Streben nach Festpunkten umso mehr.

Krankheitsverarbeitung und Krankheitsbewältigung

Bei der Diagnose werden vom Patienten oft Fragen gestellt wie z.B. „Warum ich?“ – „Hätte ich eine Erkrankung nicht verhindern können?“ – „Warum habe ausgerechnet ich versagt?“.
Unabhängig davon, welchen Weg (siehe oben) die betroffene Person beim Umgang mit der Krankheit einschlägt, werden meist verschiedene Phasen durchlaufen:

1. Zum Anfang negiert man die Krankheit, d.h. will sie nicht wahrhaben. Das ist aber nur vorübergehend ein gewisser Schutz.
2. Dann setzt man sich mit ihr auseinander. Gefühle wie Angst, Selbstzweifel, Hoffnungs- und Hilflosigkeit, aber auch Zorn und Wut brechen hervor. Es können Depressionen auftreten.
3. Die Krankheit wird angenommen und ein neues, aktives Leben mit wiedererlangter Kraft begonnen. Nur Angst hindert leider immer sehr stark die Bewältigung.
4. Eventuell stellt sich sogar ein neues Gleichgewicht ein, d.h. die Behinderung wird als Chance gesehen, ein völlig neues Leben zu finden.
Oft werden nur maximal die ersten 3 Phasen durchlaufen oder die Betroffenen bleiben sogar schon in der 2. Phase stecken.

AnzeigeSchön ist es, wenn man sich schon an den kleinen Dingen des Alltags erfreuen und nach der Devise leben kann: „Jede negative Sache hat immer etwas Positives, auch wenn man danach etwas suchen muss oder es sich nicht gleich zeigt“.
Die Möglichkeit, über Selbsthilfegruppen Kontakt zu anderen chronisch Kranken zu bekommen, wird auf jeden Fall empfohlen. Alternativ kann sich auch über  verschiedene Medien (z.B. Bücher, Internet) informiert werden. Zu erfahren, dass man nicht die/der einzige chronisch Kranke ist und eventuell neue Anregungen oder Anstöße zur Krankheitsbewältigung zu bekommen, kann sehr hilfreich sein.
Werden das Wissen über die eigene Behinderung sowie über Themen wie „Chronische Krankheiten“ an andere Betroffene weitergegeben – „ExpertIn in eigener Sache“ – kann sich dadurch sogar eine neues Gleichgewicht im Leben einstellen.

Empfehlenswerte Literatur:
– www.psychotipps.com
– www.fid-gesundheitswissen.de/chronische-krankheiten/