BVB-Turbodribbler Taime Kuttig: Fit für die Heim-EM

von: Berliner Behindertenzeitung

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Foto: „BSB / Schmidt“

Blindenfußball-EM: Taime Kuttig hat hart gearbeitet, um pünktlich für das Turnier mitten in Berlin in Form zu sein – schließlich kann der Spielmacher einer der entscheidenden Faktoren für das deutsche Team sein.

Am 18. August startet die deutsche Blindenfußball-Nationalmannschaft mit dem Duell gegen Italien in die Heim-Europameisterschaft in Berlin. BVB-Spielmacher Taime Kuttig (ausgesprochen: Teymi) hat hart gearbeitet, um pünktlich für das Turnier in Form zu sein – schließlich kann der 25-Jährige einer der entscheidenden Faktoren für das deutsche Team sein.

 Hinter Taime Kuttig liegt eine ereignisreiche Saison: Ende März war bekannt geworden, dass der Nationalspieler vom deutschen Meister Sportfreunde Blau-Gelb Marburg zu Borussia Dortmund wechselt. Ein Transfercoup für den BVB, der in der Vorsaison noch als ISC Viktoria Dortmund-Kirchderne in der Bundesliga spielte. Der BVB ist nicht der erste Profi-Club mit einer eigenen Blindenfußball-Mannschaft, mit dem FC Schalke 04, dem FC St. Pauli und dem Chemnitzer FC haben weitere namhafte Vereine eigene Teams.

Bei seinem ersten Einsatz zeigte Kuttig direkt, wie wertvoll er sein kann: Zwei Tore schoss der Spielmacher beim 4:1 gegen die SG Köln/Köppern, doch nach 36 Minuten der Schock: Innenbandzerrung, kleine Risse im Meniskus, Kniescheibenentzündung. Für Kuttig, der im August 2014 einen Kreuzbandriss hatte, ein Rückschlag.

Mit Fitnesstraining kämpfte er sich zurück. Als die Nationalmannschaftskollegen in Madrid bei 42 Grad ein Vorbereitungsturnier spielten, trainierte er hinter dem Tor, um bald wieder fit zu sein – erfolgreich, zumal er schon beim dritten Bundesliga-Spieltag Mitte Juli wieder für den BVB auf dem Feld stand – und traf: „Ab und zu zippt es noch, aber ich merke es nicht mehr groß. Das Knie fühlt sich stabil an und ich darf wieder vollen Einsatz geben.“

Die kurze Erholungsphase vor der EM nutzte der 25-Jährige zum Durchschnaufen auf der griechischen Insel Rhodos, am Dienstag kam er zurück, am Mittwoch schnappte er sich schon wieder den Ball und ging alleine auf den Rasen, um zu trainieren. Kuttig spielt im offensiven Mittelfeld und ist der Turbodribbler im deutschen Team. Die Nummer 7 trägt er im Nationalteam. Genau wie Bastian Schweinsteiger, dem seine Art als Spielmacher ähnelt, auch wenn er eigentlich wie im Verein die 14 wollte. „Aber die 7 ist jetzt eben alt eingesessen.“

 

Beim BVB schon mit Reus, Schmelzer, Kagawa und Weidenfeller gekickt

 

Kuttig ist jemand, der möchte, dass sein Sport professioneller wird. Den Deutschen Fußball-Bund erinnert er gerne daran, noch mehr zu tun für die Blindenfußballer. Beim BVB ist er nun bei einem spannenden Projekt gelandet. Finanzielle Mittel sind vorhanden, „aber noch keine richtige Struktur“, wie Kuttig durchblicken lässt: „Es war nie unser Ziel, auf Anhieb deutscher Meister zu werden, wir wollten diese Saison einfach lernen. Deshalb ist es vollkommen in Ordnung, dass wir jetzt um Platz fünf spielen. Ich bin gespannt, was in den kommenden Jahren mit Dortmund möglich ist.“

Der BVB meine es mit dem Engagement jedenfalls ernst, „es hat nicht lange gedauert, da habe ich schon Marcel Schmelzer, Roman Weidenfeller, Shinji Kagawa und Marco Reus bei einem Videodreh kennengelernt. Und der BVB hat ja auch beim DFB-Pokalfinale gepostet, dass die Fans bei unserem Spielfeld in Berlin vorbeischauen sollen, was einige gemacht haben.“

Dennoch ist es für Kuttig noch ungewohnt, Schwarz-Gelb statt Blau-Gelb zu tragen, zumal er seine ehemaligen Teamkollegen aus Marburg als Favorit auf die Meisterschaft im Finale gegen den FC St. Pauli sieht: „Während der Saison hatte ich fast noch mehr mit den Marburgern zu tun, ich war ja auch oft noch da. Auf einmal weg vom Team zu sein und nicht mehr alles sagen zu dürfen, ist schon seltsam.“

Der Wechsel kam aber vor allem auch deswegen zustande, weil Kuttig in Mainz sein Bachelor-Studium beendet hat und ab Oktober in Köln an der Deutschen Sporthochschule den Master in Sportmanagement anfangen wird. Dort findet er auch perfekte Bedingungen, um zu trainieren: „Es gibt ein kleines Kunstrasenfeld, das zwar keine Bande hat, aber sonst alles, was ich brauche. Und es sind auch einige Nationalspieler in der Gegend, so dass man dort vielleicht perspektivisch einen Trainingsstandort etablieren könnte.“

 

Das Halbfinale bei der Heim-EM als Ziel: „Sind mit sechs Teams auf Augenhöhe“

 

Davor liegt aber der Schwerpunkt auf der Europameisterschaft, die am Samstag mit einem abschließenden Trainingslager in Berlin-Wannsee eingeleitet wird. Mit 20 Jahren debütierte Kuttig im März 2013 für die Nationalmannschaft, kommt mittlerweile auf knapp 40 Spiele und sieben Tore und war bei den Europameisterschaften 2013 und 2015 dabei. Damals sprangen die Plätze vier und sechs am Ende heraus.

Und dieses Mal? „Bei uns sind endlich mal alle fit“, sagt Kuttig mit Verweis auf 2015, als gleich mehrere Stammspieler verletzt fehlten, „aber ich sehe sechs Teams auf Augenhöhe. Wir können Erster werden, aber auch Sechster. Es ist relativ unwahrscheinlich, dass wir Europameister werden, aber es kann passieren. Das Halbfinale sollte das Mindestziel sein.“

Gegen Italien zum Auftakt und gegen Rumänien müssten dafür zwei Siege her, „sonst können wir uns das gleich abschminken.“ Gegen die höher eingestuften Frankreich und England rechnet Kuttig mit insgesamt einem Sieg, „aber gegen wen von beiden weiß ich nicht, weil ich beide nicht richtig einschätzen kann und sie über sehr gute Spieler verfügen.“ Dass die 2000 Zuschauer fassende Arena am Anhalter Bahnhof beim Eröffnungsspiel bestens gefüllt sein wird, wertet er positiv, sagt aber auch: „Weil wir direkt punkten müssen, ist das ein Riesendruck.“

Die große Kulisse ist dabei nicht das Problem: In Frankreich hat Kuttig schon vor über 1000 Zuschauern gespielt, in England bei der EM 2015 waren es auch zwischen 500 und 700. „Wenn man da einen Gegentreffer kassiert, fühlt sich das schon echt mies an, wenn alle jubeln.“ Um das zu verhindern, will Kuttig bei der Heim-EM Tore schießen und vorbereiten – eben das, was er am besten kann. Und damit die deutschen Fans zum Jubeln bringen. Das Fernziel sind weiterhin die Paralympics 2020 in Tokio. Dafür soll bei der EM mitten in der Hauptstadt schon ein Grundstein gelegt werden, um die gute Entwicklung der vergangenen Jahre voranzutreiben.