Chronisch Kranke als informierte Experten

von: Rainer Sanner

Die informierte Patientin bzw. der informierte Patient wird von der Gesundheitspolitik wie von der Verbraucherbewegung und auch von den Kostenträgern immer wieder als Wunschvorstellung, ja, als Ziel genannt. Doch die Voraussetzung dessen, eine „sprechende“, also sich selbst immer wieder erklärende Medizin und Pflege, erscheint vielen im Medizinbetrieb Tätigen noch immer als zu zeitaufwändig und damit als zu teuer, da die Krankenversorgung in der Regel unter hohem Kosten- und Zeitdruck organisiert wird.

Unterschiedliche Voraussetzungen für akut und chronisch Erkrankte

Bei einer akuten Erkrankung sind außerdem auch auf Seiten der Patienten die Voraussetzungen für eine solche informierte und auf Grundlage dessen souveränere Rolle oft nicht die besten: Von der Krankheit geschwächt, haben akut Erkrankte nicht immer die besten Voraussetzungen, sich gut zu informieren, sind sie manchmal auch froh, Entscheidungen abgeben zu können. Demgegenüber haben chronische Erkrankungen für die Betroffenen oft eine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Krankheitsgeschehen zur Folge. Krankheitsmanagement bedeutet für chronisch Kranke zu lernen, wie sich die Auswirkungen ihrer Erkrankung in ihren Alltag integrieren lassen; im Zuge dessen werden sie oft zu Expertinnen und Experten für die, ihre Lebenssituation stark prägende, chronische Erkrankung.

Das Problem der Informationsflut

Auch für chronisch Kranke stellt sich aber oft das Problem, dass man über Bücher, Broschüren, Radio, Fernsehen und mehr und mehr auch über das Internet eine solche Flut von Informationen erhalten kann, dass man sich eher damit überfordert fühlt, dieses große Informationsangebot vor dem Hintergrund des eigenen Wissens und der eigenen Erfahrungen zu beurteilen. So ist es zum Beispiel gerade bei Fragen zu einem Medikament angesichts der vielen Einträge im Internet oft schwierig, neutrale und fundierte von unseriösen Quellen zu unterscheiden. Dahingehend helfen Onlineangebote mancher Selbsthilfeinitiativen, wenn sie verschiedene Webseiten zum Beispiel kurz kommentieren, oder so etwas wie die von der DGRh, der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie e. V., über die Rheumazentren an Rheuma-Patienten weitergegebenen „Therapieüberwachungsbögen“: Diese online abrufbaren und von der DGRh geprüften Informationen enthalten Aussagen zu dem jeweiligen Präparat und seiner Wirkung, zum Indikationsgebiet, zur Anwendung bzw. zum Wirkungseintritt und auch zu Nebenwirkungen und Gegenanzeigen.

Das Problem der heute oft verkürzten stationären Behandlung

Ein anderes Problem besteht heute darin, dass Programme der Patientenschulung durch die immer weiter gehende Verweildauerverkürzung in stationären Einrichtungen kaum umsetzbar zu sein scheinen, gleichzeitig aber die Ausrichtung auf so genanntes Selbstmanagement und der geringer werdende Kontakt zu den Professionellen wie Ärztinnen und Ärzten mehr Wissen und Handlungssicherheit bei den Kranken erfordern.

Voraussetzungen für eine fundiertere Patientenautonomie

Patientenautonomie ist ein zentraler Gesichtspunkt der Medizinethik: Patientinnen bzw. Patienten haben heute das Recht, über alle bei ihnen vorgenommenen Therapien und Behandlungen selber zu entscheiden, ihnen zuzustimmen oder sie abzulehnen. Und dies setzt eine umfassende und verständliche Aufklärung durch die behandelnden Ärzte über alle Vor- und Nachteile einer Behandlung, mögliche Nebenwirkungen oder Risiken voraus. Nur so können Patienten Nutzen und Risiken gegeneinander abwägen und in Ruhe eine eigene Entscheidung treffen, die ihrem Willen entspricht.
Auf der Grundlage einer immer stärkeren Umsetzung von Patientenautonomie in der medizinischen Behandlung verändert sich das Verhältnis zwischen Ärztinnen und Ärzten auf der einen Seite und Patienten auf der anderen Seite mehr und mehr, weg von einem früher fürsorglichen, paternalistischen Verhalten von Seiten der Ärzteschaft hin zu einem partnerschaftlich-kommunikativen Verhältnis als Ideal. Mehr und mehr müssen im Zuge dessen kritische Fragen von Seiten der Patienten, gegebenenfalls auch ihr Wunsch nach alternativen Behandlungsmethoden, nach menschenwürdiger Begleitung und anderem Berücksichtigung finden.

Patientenautonomie üben

Die so genannte Patientenautonomie lässt sich üben, muss vielleicht sogar als eine für viele neue Rolle tatsächlich geübt werden, indem man zum Beispiel immer wieder auf den individuellen Patientenrechten besteht, eine eigene Patientenakte führt oder auf differenzierten Entscheidungshilfe besteht, wenn neue Medikamente oder Therapien verordnet oder geplant werden. Die persönliche Sorge, noch offene Fragen oder auch Ängste sollten nicht der fachlichen, also der ärztlichen Verordnung untergeordnet werden.
Abschließend hier noch der Hinweis, dass sich Arzt-Patientensituationen trainieren lassen. Solche Gespräche lassen sich mit Hilfe einer Simulation, einer Vorwegnahme, ein Stück weit üben lassen. Das Ziel ist, sie besser informiert bestehen zu können. Hilfreich ist sicher schon das Überlegen und das Festhalten von Fragestellungen, die im bevorstehenden Arzt-Patientengespräch auf jeden Fall zur Sprache kommen sollen.