Die besondere Reisebörse

Die BBZ sprach mit dem Organisator André Scholz.

von: Dominik Peter

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Vom 04.-10. Mai findet dieses Jahr wieder die „Woche der pflegenden Angehörige“ statt, die der Berliner Behindertenverband unterstützt. In diesem Rahmen bietet am 09. Mai auch die Reisebörse ein buntes Spektrum an Informationen. Organisiert wird diese von André Scholz. Die BBZ sprach mit Herrn Scholz über die Reisebörse.

BBZ: Was ist eigentlich die Reisebörse?
André Scholz: Die Reisebörse ist eine Veranstaltung der Berliner Pflegestützpunkte zum Thema barrierefrei Reisen. Sie richten sich an Menschen jeden Alters mit Hilfe- und Pflegebedarf – insbesondere an Senioren, Kinder und Jugendliche mit gesundheitlichen Einschränkungen, Menschen mit Behinderung, von Demenz Betroffene und deren Angehörige.

Die Pflegestützpunkte sind wohnortnahe Anlaufstellen für ältere Menschen, Pflegebedürftige und ihre Angehörigen. Pflegeberater informieren, beraten und unterstützen unabhängig und kostenfrei bei allen Fragen zur Pflege sowie rund ums Alter und im Vorfeld von Pflege.
Die Beratungspraxis zeigt, dass viele hilfe- und pflegebedürftige Menschen und deren Angehörige mit Eintritt von Aktivitäts- und Mobilitätseinschränkungen Urlaubsangebote nicht mehr nutzen. Häufig sind entsprechende Reise-, Entlastungs- und Erholungsangebote nicht bekannt. Die Pflegestützpunkte können allerdings auch dazu beraten.
Mit der Reisebörse „Barrierefrei Reisen – Urlaub für alle“ wollen die Mitarbeiter der Berliner Pflegestützpunkte Betroffenen sowie deren Angehörigen Mut machen, über eine mögliche Reise nachzudenken, Impulse geben, sich mit dem Thema Reisen zu beschäftigen und Möglichkeiten aufzeigen, wie ein Reiseangebot genutzt werden kann.

BBZ: Wie kamen Sie auf die Idee der Reisebörse?
André Scholz: Pflege- und Unterstützungsbedarf verändert die Lebenswelt der Betroffenen und nicht selten auch die ihrer Angehörigen. Die Idee zur Reisebörse ist 2009 entstanden.

Aber der Reihe nach: Mitte der 80er Jahre habe ich Koch gelernt. 1996 folgte nach beruflicher Neuorientierung die Ausbildung zum examinierten Altenpfleger. Berufliche Erfahrung sammelte ich vorrangig in der stationären Altenpflege, kurzzeitig in der häuslichen Pflege sowie in Seniorenfreizeiteinrichtungen. 2008 kam ein Diplom Pflegestudiengang hinzu und es entstand die Idee, durch ein eigenes Pflegehotel Gastronomie, Hotelerie und Pflege zu kombinieren. Das Pflegehotel blieb ein Traum. Nach dem Praktikum in den damaligen Koordinierungsstellen rund ums Alter (heute Pflegestützpunkt) wurde der Wunsch größer, Pflegeberater zu werden. Seit 2009 arbeite ich nun im Pflegestützpunkt Mitte.
Warum sollten die Pflegestützpunkte Berlin nicht das Thema barrierefreies Reisen aufgreifen und fördern? Wer kann besser als Impulsgeber für Reisen als Erholungs- und Entlastungsangebot fungieren, als die Mitarbeiter der Pflegestützpunkte? Wir, die täglich beraten. Die Idee der Reisebörse war geboren.
Einige Zeit hat es noch gebraucht, bis die Idee umgesetzt werden konnte. Mit viel persönlichem Freiraum, Unterstützung durch meinen Arbeitgeber und einem tollen Team war es erstmalig 2013 so weit.

BBZ: Was dürfen Besucher vor Ort erwarten?
André Scholz: Die Besucher der 3. Reisebörse dürfen sich auf rund 35 Aussteller mit einer großen Vielfalt an Reisezielen, Angeboten und Spezialisierungen freuen. Dabei handelt es sich um Ziele an der Ostsee, im schönen Brandenburg und Fernziele. Es wird aber auch Anregungen für Halbtages- oder Tagesausflüge geben.
In Vorträgen informieren Mitarbeiter der Pflegestützpunkte Berlin über die Leistungen der Kranken- und Pflegeversicherung bei Reisen. Dazu gehören Entlastungsangebote sowie   Möglichkeiten zur Unterstützung und Versorgung am Urlaubsort.
Nutzer von barrierefreien Reiseangeboten berichten über ihre Erfahrungen bei der Planung, Durchführung sowie über ihre Erlebnisse in den Feriendomizilen.
Mitarbeiter der Pflegestützpunkte stehen selbstverständlich für individuelle Gespräche zur Verfügung.

BBZ: Kostet die Reisebörse Eintritt wie andere Messen häufig auch?
André Scholz: Der Eintritt zur Reisebörse ist frei. Die Besucher sollen ihr Geld für ihre nächste Reise nutzen.
Ich bedanke mich an dieser Stelle bei der AOK Nordost, die durch ihr Engagement die Reisebörse ermöglicht.

BBZ: Pflege und Reisen erscheinen mir als zwei Gegensätze. Wie passt dies zusammen?
André Scholz: Reisen ist häufig Teil der bisherigen Lebensgewohnheit – Reisen ist Balsam für die Seele. Warum sollte Reisen nicht mit Unterstützungsbedarf möglich sein? Pflege ist auch am Urlaubsort häufig gut zu organisieren. Reisen haben einen präventiven Charakter. Wer kennt sie nicht, die leuchten Augen eines Menschen, der von einer Reise erzählt, von Begegnungen auf der Reise, von schönen Landschaften. Für pflegende Angehörige bedeutet das Reisen eine Auszeit vom Pflegealltag, um Kraft zu tanken. Die Entlastung und Erholung, die sie erfahren kann für die Gesundheit und auch die Beziehung zum Pflegebedürftigen sehr positive Auswirkungen haben. Für Pflegebedürftige kann eine Reise ein ganz besonderes Erlebnis sein, das unvergesslich ist.
Ein Hinweis in eigener Sache: Pflegestützpunkte sind keine Reiseanbieter, sondern Berater und Impulsgeber. Wir sind auf die Angebote des Marktes für barrierefreies Reisen angewiesen, um auf Ansprechpartner für die Organisation und Buchung hinweisen zu können.

BBZ: Welche Möglichkeiten gibt es, dass auch Menschen mit schmalem Geldbeutel verreisen können? Gibt es dazu auch Informationen auf der Reisebörse?
André Scholz: Ich möchte an dieser Stelle aber auch ernüchtern. Reisen ist, auch im Zusammenhang der Reisebörse, eine private Angelegenheit. Reisen ist keine Leistung der Gesetzlichen Krankenversicherung. Dennoch können Leistungen der Kranken- und Pflegeversicherung im Einzelfall genutzt oder kombiniert werden, zum Beispiel wenn pflegende Angehörige an die Grenzen ihrer Kräfte kommen.

Durch die Einführung der Pflegeversicherung, diverse Gesetzesanpassungen und das ab 01.01.2015 in Kraft getretene 1. Pflegestärkungsgesetz soll die Situation Pflegebedürftiger verbessert und die Unterstützung der pflegenden Angehörigen ausgeweitet werden. Diese Gelder können auch für Betreuungs- und Entlastungsleistungen und Verhinderungspflege genutzt werden. Informationen, wie diese Leistungen im Zusammenhang von Reisen genutzt werden können, erhalten Interessierte selbstverständlich auf der Reisebörse.

BBZ: Herr Scholz, herzlichen Dank für das Gespräch.