Am 2. September 2014 wurde in der Tiergartenstraße ein Denkmal für die Opfer der so genannten Euthanasie-Morde in der NS-Zeit eingeweiht: Eine transparente, 24 Meter lange Glaswand wurde dort enthüllt. Diese steht an genau dem Ort, von dem die Ermordung von rund 300.000 Menschen, Insassen von Heil- und Pflegeanstalte, bis 1945 ausging, dem Standort der koordinierenden NS-Dienststelle in der Tiergartenstraße 4. 1941 waren diese Massentötungen nach öffentlichen Protesten von den Nazis zunächst eingestellt worden, wurden aber dann auf anderen Wegen, etwa durch Nahrungsentzug oder durch die Verabreichung zu hoch dosierter Medikamente wie Schlafmittel oder Morphium, fortgesetzt.
An der Eröffnung dieses Gedenkortes nahmen unter anderem Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne), Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Militärbischof Martin Dutzmann, teil. Frau Grütters erinnerte an die „unfassbar menschenverachtende Unterscheidung zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben“ durch die Nazis. Von dem Ort Tiergartenstraße gehe deshalb heute die Botschaft aus, dass jedes menschliche Leben es wert sei, gelebt zu werden. Der neue Gedenkort konfrontiere uns heute, so Frau Grütters, mit der grauenvollen NS-Ideologie, die sich anmaßte, das einzelne Leben nach ‚Nützlichkeit‘ und ‚Brauchbarkeit‘ zu unterscheiden. Ihrer Ansicht nach sollte dies heute Warnung davor sein, in gegenwärtigen Diskusionen über das Leid schwer erkrankter Menschen „das Tötungsverbot leichtfertig zur Diskussion zu stellen“. Der Regierende Bürgermeister Berlins, Klaus Wowereit, sagte bei der Veranstaltung: „Die ‚Aktion T4‘ war pervers. Skandalös war aber auch das lange Verschweigen der Morde nach 1945.“
Im Mittelpunkt der Gedenkveranstaltung standen die Vorträge von Sigrid Falkenstein und Hartmut Traub über das Schicksal ihrer Verwandten, die den von der Tiergartenstraße 4 ausgegangenen Morden zum Opfer gefallen sind. Sigrid Falkenstein berichtete über das Schicksal ihrer Tante Anna Lehnkerin (1915 bis 1940) in so genannter „Leichter Sprache“, die für Menschen mit Lernschwierigkeiten leichter verständlich ist: „Es kommen Ärzte. Sie sagen, Anna ist nicht mehr nützlich. Sie soll sterben.“ Diese kurzen, sehr sachlich-nüchternen Sätze machten aber auch die Grausamkeit dieses „Euthanasie“-Programms deutlich.
Das neu errichtete Denkmal dort, die jetzt enthüllte gläserne Wand symbolisiert Verbindung und Trennung zur gleichen Zeit. Ihr blauer Farbton könnte auf den Himmel und auf den Horizont verweisen. Entworfen wurde dieses Denkmal von der Architektin Ursula Wilms, dem Künstler Nikolaus Koliusis und dem Landschaftsarchitekten Heinz Hallman.
