Es gibt kein unwertes Leben

ABiD-Presseerklärung anläßlich der Eröffnung der zentralen Gedenk- und Informationsstätte für die Opfer der Nazi-„Euthanasie“ in der Berliner Tiergartenstraße 4.

von: Berliner Behindertenzeitung

Wir gedenken aller Opfer des Faschismus. Und wir halten jedes  Einzelne in Ehren. Das gilt für jedes  Individuum. Das gilt für jede Gruppe. Deshalb trat der ABiD seit langem dafür ein, daß – neben den Gedenkstätten für die  europäischen Juden, die Sinti und Roma, die Homosexuellen – auch die barbarische, systematische Ermordung von rund 300.000 Menschen mit Behinderungen angemessen und würdig in mahnender Erinnerung gehalten wird. Die nunmehr errichtete Gedenk- und Informationsstätte wird diesem Anliegen viel stärker gerecht als die schwer auffindbare Bronzetafel, die dort in den Bürgersteig eingelassen ist.

Wenn wir aller Ermordeter gedenken sowie Jede und Jeden ehren, verwischen wir nicht die Unterschiede, die sie zu Opfern machten. Bei Kommunisten, Sozialdemokraten und anderen Republikanhängern war es die politische Haltung. Bei Juden – ähnlich wie bei „Zigeunern“ – die „Rasse“. Homosexuelle wurden wegen ihrer sexuellen Identität verfemt, verfolgt und vernichtet.

„Krüppel“, „Schwachsinnige“ und „Idioten“ hingegen wurden von Ärzten, Juristen und Ökonomen von ihren „ewigen Leiden befreit“. Deren Ermordung wurde sogar zur „Wohltat“ verbrämt. Gleichzeitig diskreditierten Nazis sie als „unnütze Esser“, die der „Volksgemeinschaft“ nur „Kosten“ bescherten. Ihr Leben sei „unwert“. Wenn sie für barbarische medizinische Experimente mißbraucht wurden, sollten sie „froh“ sein, auf diese Weise den „Ariern“ wenigstens irgendwie „nützlich“ sein zu können.

Unser heutiges Menschenbild ist von der UN-Behindertenrechtskonvention geprägt. Es lobt die Vielfalt, kennt Behinderungen und chronische Erkrankungen als selbstverständliche und gleichberechtigte Bestandteile der Gesellschaft. Sie will freie Persönlichkeitsentfaltung durch volle Teilhabe auf der Basis solidarischen Handelns.

Aber der ABiD verkennt nicht, daß diese hehren Ziele längst noch nicht erreicht sind. Im Gegenteil: Auch heute noch engen reine „Kosten-Nutzen-Rechnungen“ unsere Entfaltungsmöglichkeiten ein. Auch heute noch wird der Ausgleich behinderungsbedingter Nachteile nicht selten als „Luxusbonus“ bezeichnet, den wir uns „nicht leisten“ könnten. Auch heute noch wird der „Wert“ mancher Menschen an ihrer „wirtschaftlichen Verwertbarkeit“ gemessen. Das macht uns – auch, wenn es sich nur um „Einzelmeinungen“ handeln sollte – Angst. Desgleichen können die immer wieder auflebenden Debatten um „Sterbehilfe“ – in denen von „Lebensverlängerung durch Drähte und Schläuche“ über „assistierten Suizid“ bis zu „Tötung auf Verlangen“ nahezu alle Varianten von „nicht mehr lebenswert“ durcheinandergewürfelt werden – unser So-Sein im Da-Sein akut gefährden.

Die Erinnerung an die „Euthanasie“ – dieser euphemistische Begriff bedeutet bekanntlich „guter Tod“ – mahnt uns: Wachsamkeit tut Not!