
Etwa 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren zum Fachtag „Gestaltung von inklusiven Schulen Beitrag der Jugendsozialarbeit“ erschienen. Foto. Anne Beyer.
Am 23. Mai fand – organisiert vom PARITÄTISCHEN Berlin – der Fachtag „Gestaltung von inklusiven Schulen Beitrag der Jugendsozialarbeit“ statt. Etwa 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hörten sich zunächst die Fachvorträge von Elvira Kriebel (Bundeskoordination Jugendsozialarbeit im Paritätischen Gesamtverband und Referentin für Schulbezogene Jugendhilfe im Paritätischen LV Berlin), Dominik Peter (Vorstand, Paritätischer LV Berlin), Mario Dobe (Senatsverwaltung Bildung, Jugend, Wissenschaft) und Prof. Dr. Karsten Speck (Universität Oldenburg) an. Am Nachmittag ging es dann in einen der drei Workshops.
Schon in den Vorträgen wurde deutlich: Inklusion an Schulen ist ein Thema, mit dem sich alle Beteiligten seit Jahren beschäftigen. „Erst jetzt, zwölf Jahre nach dem Behindertengleichstellungsgesetz und zehn Jahre nach der UN-Behindertenrechtskonvention (die erst 2009 in Deutschland in Kraft trat), vier Jahre nach dem Beschluss der Kultusministerkonferenz zu deren Umsetzung und einem Entwurf zur inklusiven Bildung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen in Schulen reden wir über die praktische Umsetzung“, fasste Prof. Dr. Karsten Speck in seinem Vortrag die rechtlichen Hintergründe zusammen. Wenn ich an den gerade aktuellen Fall des elfjährigen Henri denke, den seine Eltern in Walldorf, einem kleinen Ort in Baden-Württemberg, ans Gymnasium schicken wollten, und der aufgrund seiner Diagnose Down-Syndrom sowohl vom Gymnasium als auch von der Realschule abgelehnt wurde, dann sind wir in dieser Diskussion hoch aktuell, aber noch nicht in allen Köpfen angekommen. Es treten immer weitere Fragen auf: Was heißt eigentlich Inklusion? Was muss sich verändern, um diesen Anspruch in die Tat umzusetzen? Welchen Begriff von Bildung lege ich dem zugrunde? Und hat Inklusion Grenzen?
Dominik Peter, der selbst im Rollstuhl sitzt, fasste diese Fragen zusammen: „Die UN-Behindertenrechts-konventionen haben im Hinblick auf das Thema Inklusion eine Art Wundertüte hervorgebracht. Die füllen wir derzeit mit Kreativität, Diskussionen und Ideen.“
Alle Vortragenden gingen auf diese „Wundertüte“ ein, immer mit dem Blickwinkel: Grenzen sind da, keine Frage – aber welchen Anspruch habe ich überhaupt, und wie kann ich den in die Tat umsetzen? Fakt ist: Kinder und Jugendliche an den Schulen sind keine homogene Gruppe. Es gibt Kinder mit und ohne Migrationshintergrund, es gibt unterschiedliche soziale Hintergründe, Kinder aus bildungsfernen Familien und jenen aus bildungsorientierten… die Liste ließe sich sicherlich unendlich fortsetzen. „Nicht einmal das Geburtsjahr, wie man meinen würde, haben die Kinder einer Klasse heutzutage gemein, bei den vielen Rückstellungsanträgen. JEDES Kind ist anders“, ergänzte Mario Dobe, der viele Jahre Rektor der Kreuzberger Hunsrück-Grundschule war und heute in der Senatsverwaltung Bildung, Jugend, Wissenschaft Projektleiter „Inklusion“ ist. Er stellte klar, dass Inklusion mehr sein muss als die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Prof. Dr. Karsten Speck ging in seinem Vortrag auch vermehrt um einen breiten, sozialwissenschaftlich geprägten Begriff von Inklusion ein: nicht nur das gemeinsame Beschulen von Kindern mit und ohne Behinderung, sondern die Anerkennung der Vielfalt von Kindern und Jugendlichen allgemein.
Interessante Zahlen vorgelegt
Dies erfordert ein entsprechend vielfältig gestaltes Angebot und Umfeld in den Schulen, einen breiten Rahmen, der allen die Partizipation im Schulalltag ermöglicht. Jugendsozialarbeiter_innen an Schulen sind hier wertvolle Partner_innen. Interessant für viele waren vor allem die präsentierten Zahlen aus Berlin. Hier gibt es mittlerweile rund 250 Stellen der Jugendsozialarbeit an Schulen (an Grundschulen, Integrierten Sekundarschulen, sonderpädagogischen Förderzentren und berufliche Schulen). Dort tragen die Fachkräfte zum Abbau von Schuldistanz, der Verbesserung der Lernmotivation und Erziehungskompetenzen bei. In sechs Bezirken in Berlin heißt das auch: Fokus auf Kinder und Jugendliche mit einem Roma-Hintergrund.
Die aktuelle Integrationsquote von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Regelschulen beträgt in Berlin derzeit 52,1 Prozent. Der Bundesdurchschnitt liegt dagegen bei 24 Prozent. Dazu laufen vier Pilotprojekte für Beratungs- und Unterstützungszentren (BUZ) in Berlin in den Bezirken Steglitz-Zehlendorf, Tempelhof-Schöneberg, Neukölln und Marzahn-Hellersdorf. Diese BUZ begleiten die Umsetzung der Inklusion in den Schulen eines Bezirks. Ein interdisziplinäres Team soll dabei Pädagoginnen und Pädagogen, Schulen, Erziehungsberechtigte sowie Schülerinnen und Schüler im Zusammenhang mit besonderer und sonderpädagogischer Förderung beraten und unterstützen und die Schulen miteinander vernetzen.

Prof. Dr. Karsten Speck gab spannende Einblicke in den wissenschaftlichen Forschungsstand. Foto: Anne Beyer.
Doch Grenzen gäbe es derzeit insbesondere bei jenen mit sozial-emotionalen Verhaltensauffälligkeiten: „So kann es in Einzelfällen notwendig sein, Kinder aus dem System Schule herauszunehmen“, stellte Mario Dobe dar. Allerdings lenkte er, genauso wie Prof. Dr. Speck, auch das Augenmerk auf eine frühzeitigere Unterstützung: „Wir geben so viel Geld dafür aus, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Wir brauchen mehr Kompetenzen, die auch präventiv eingesetzt werden können, eine bessere Diagnostik und Kenntnisse darüber bei den entsprechenden Fachkräften.“ Wichtig sei es dabei, besonders die Lehrerinnen und Lehrer, Sozial- und SonderpädagogInnen, Erzieherinnen und Erzieher und die Jugendsozialarbeit mit einzubeziehen. „Leider erlebe ich es immer wieder, dass die Sichtweise der Lehrerinnen und Lehrer, in vielen Fällen Exklusivität zu fordern, auch bei den SozialpädagogInnen eher angenommen wird, als anders herum“, so Mario Dobe.
Sozialen Herkunft entscheidend
„Deutschland ist in der EU führend in der sozialen Selektion an Schulen“, so Prof. Dr. Karsten Speck. Nirgendwo sonst hänge Schulleistung so sehr mit der sozialen Herkunft der Kinder und Jugendlichen zusammen. Bei gleicher Leistung sei der Erfolg oder Misserfolg maßgeblich abhängig von der Bildung und dem Engagement der Eltern. PISA und die Medienberichterstattung darüber hätten diese Sichtweise eher noch befördert. Und genau diese Ergebnisse hätten auch Studien unter Kindern mit einem speziellen Förderbedarf bestätigt: Wenn diese Kinder und Jugendlichen von den Eltern unterstützt an eine Regelschule gingen, erzielten sie bessere Ergebnisse als Vergleichsgruppen in Förderschulen.
Mit die größte Herausforderung sei es, die Eltern der Regelschüler vom Thema Inklusion zu überzeugen: „Grundsätzlich sei man ja tolerant, aber das hört beim eigenen Kind oft wieder auf“, erläuterte Speck. Es gäbe eine Jein-Haltung unter der Elternschaft: 89 Prozent seien einverstanden, wenn es um Kinder mit körperlicher Behinderung ginge, bei Lernschwächen seien es nur noch 72 Prozent, bei geistigen Behinderungen schon unter 50 Prozent, und bei emotional gestörten Kindern sei sie quasi nicht mehr vorhanden.
Dabei geht Inklusion uns alle etwas an: 95 Prozent aller Beeinträchtigungen sind nicht angeboren, sondern treten erst im Verlauf des Lebens auf, schon 87 Prozent der Kinder mit Beeinträchtigungen besuchen eine allgemeine Kita, aber nur jede fünfte Arztpraxis ist rollstuhlgerecht, nur 33 Prozent der Menschen mit Behinderungen treffen sich in ihrer Freizeit mit anderen, und nur 58 Prozent der Menschen mit Behinderung im erwerbsfähigen Alter sind auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt.
Der Anteil an Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf steige dagegen seit Jahren: 1994 waren es noch 4,3 Prozent, 2013 schon 6,6 Prozent. Die Bundesländer weisen allerdings sehr unterschiedliche Förderschulbesuchsquoten auf: Während in Sachsenanhalt 7,1 und Mecklenburg-Vorpommern 6,9 Prozent aller SchülerInnen an Förderschulen unterrichtet werden, sind es in Schleswig-Holstein nur 2,5 und Bremen nur 2,3 Prozent. Insgesamt gehen 355.139 Kinder mit einem speziellem Förderbedarf an eine Förderschule und nur 139.605 an allgemeine Schulen. „Nun fährt Senatorin Scheeres in Berlin eine Doppelstrategie: Die Eltern sollen entscheiden, ob ihr Kind an eine Förderschule oder eine Allgemeine Schule gehen soll – ein teurer Weg“, erklärte Speck. Die Kompetenzen der Jugendsozialarbeit sah er vor allem in dem besonderen Zugang für eine inklusive Bildung. Bislang sei die Jugendsozialarbeit an Schulen allerdings leider konzeptionell eher wenig beim Thema Inklusion präsent.
In dem Workshop, der sich der Sicht der Eltern zuwendete, in dem ich war, wurden diese Kompetenzen weiter aufgefächert. Als zusammenfassender Satz wurde dabei extrahiert: „Jugendsozialarbeiter sind professionalisiert, partnerschaftliche Elternarbeit zu leisten und sind sich der mehrfachen Auftragslage bewusst, als Vermittler, Berater, Aufklärer, Organisatoren, Mediatoren…“. Als größte Herausforderung stellten die TeilnehmerInnen heraus, eine gemeinsame Haltung zu entwickeln, die es ermögliche ALLE Eltern mit ins Boot zu holen. Notwendige Handlungsschritte dafür seien: Analyse (Haltung entwickeln, Informationen und Wissen sammeln, Ressourcen erfassen und Bedarfe feststellen), Strategie (Ziele entwickeln, Partner und Verbündete finden und einbeziehen, eine Willkommenskultur etablieren), Maßnahmen (Beteiligung organisieren, Verantwortung festlegen, interdisziplinäre Zusammenarbeit, Öffentlichkeitsarbeit) und Evaluation (interne Dokumentation, wissenschaftliche Begeleitung, Wirkungsanalyse, Nutzerzufriedenheit).
Sehr spannend war in diesem Zusammenhang der Einblick in die Praxis aus unterschiedlichen Perspektiven: Stephanie Loos erzählte aus ihrem Alltag als Mutter eines zwölfjährigen autistischen Jungen („Wir hatten das große Glück, dass drei Kinder, mit denen er zur Kita gegangen war, sich als ,Aufklärer‘ der Klasse hervortaten.“ „Für mich als Mutter war immer wichtig zu wissen: Wer ist in der Schule mein Ansprechpartner?“ „Ich kann nur allen betroffenen Eltern raten, Strukturen von Selbsthilfeorganisationen zu nutzen.“). Susanne Birk und Zübeyda Ünal von Jugendwohnen im Kiez-Jugendhilfe gGmbH berichteten von ihren Erfahrungen aus der Jugendsozialarbeit an der 1. Gemeinschaftsschule Neukölln (damals Rütli-Schule) mit 80 Prozent Kinder nicht-deutscher Herkunft: „Es war sehr schwer, die Eltern zur Mitarbeit zu motivieren. Wichtig dabei war, eine Willkommenskultur zu etablieren, zuzuhören, niedrigschwellige Angebote zu machen, Anerkennung zu vermitteln und den Eltern das Gefühl zu geben, gehört zu werden. Wir haben mit einem Elternfrühstück begonnen, aus dem später sogar ein Elterncafé wurde. Und der große Kracher war das gemeinsam geplante Opferfest. So voll war die Schule noch nie! Mit Blick auf die Riesenaufgabe Inklusion müssen wir aber sagen: Das ist noch ein kleiner Keimling im Vorgarten der Schule. Die Schule ist nicht barrierefrei, und wir haben nur einen Jungen mit dem Förderschwerpunkt Hören. Von anderen Schulen müssen wir leider auch berichten, dass viele Eltern Behinderungen aus Angst und Scham bei der Anmeldung ihres Kindes sogar verschweigen. Wir haben bei einem Jungen mit Asperger-Syndrom zum Beispiel lange gerätselt, was mit ihm los ist. Ein anderes Mal hat sich ein Vater eines anderen Jungen überall beschwert, weil in die Klasse ein neues Kind mit geistigen Entwicklungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten kam. Man muss die Angst, die dahinter steht, ernst nehmen, zuhören und Lösungswege wie z.B. Hospitanzen vorschlagen.“
Zusammenfassend muss ich sagen, dass ich das Thema Inklusion jetzt aus vielen unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten kann und sich vieles differenzierter für mich darstellt als vorher. Ich wünsche dem „kleinen Keimling im Vorgarten der Schule“ ein kräftiges Wachstum und ein systematische Befüllen der Wundertüte. Für mehr Toleranz, für mehr Vielfalt, ohne Gleichmacherei, aber mit gegenseitiger Wertschätzung!
Von Anne Beyer
Der Artikel wurde uns freundlicherweise von Jugendhilfe-bewegt-berlin.de zur Verfügung gestellt.
Link: http://www.jugendhilfe-bewegt-berlin.de/



