Inkontinenz sollte kein Tabuthema sein. Im Gegenteil, wer offen darüber spricht baut Barrieren ab. Was viele zudem nicht wissen: Überall gibt es Inkontinenzzentren, die Betroffenen weiterhelfen.
Eigentlich muss man sich wundern. Ganz besonders, wenn man sich die harten Fakten anschaut. Rund 9 Millionen Menschen leiden allein in Deutschland an Inkontinenz. Eine Inkontinenz ist das Unvermögen, den Urin oder die Darmausscheidungen zurückzuhalten. Medizinisch gibt es unterschiedliche Inkontinenzen. Die Harninkontinenz bezeichnet das Einnässen, die Stuhlinkontinenz das Einkoten und die Flatulenz die Unfähigkeit, das Entwichen von Darmgasen zu verhindern. Mit der großen Zahl von 9 Millionen Betroffenen ist die Blasen- oder Darmschwäche längst zu einer echten Volkskrankheit geworden. Auffällig ist, dass selbst junge Frauen bereits an Harninkontinenz leiden können. Neueste Studiendaten aus Deutschland zeigen auf, dass jede fünfte Frau im Alter zwischen 25 und 75 Jahren derzeit an Harninkontinenz leidet. Pharmafirmen wie Lilly gehen sogar davon aus, dass jede dritte Frau von Harninkontinenz betroffen sein könnte. An einer Stuhlinkontinenz leiden hierzulande wohl rund 500.000 Menschen. Die Zahl der Menschen mit einer Blasen- oder Darmschwäche wird mit der zunehmenden Vergreisung der deutschen Gesellschaft in den kommenden Jahren zudem noch erheblich anwachsen. Und dennoch wird die Volkskrankheit Inkontinenz gerne unter den Teppich gekehrt. Besonders Betroffene wollen häufig nicht darüber sprechen. Viele vertrauen sich aus Scham noch nicht mal ihrem behandelnden Arzt an. Selbst mit anderen Betroffenen wird nur ungern darüber gesprochen. Das ist umso bedauerlicher, als es in den letzten Jahren massive Fortschritte sowohl bei der Behandlung von Inkontinenz als auch bei den Produkten gibt, die den Betroffenen helfen, mit den Folgen der Inkontinenz im Alltag leichter umzugehen.
Neues Wissen nutzen
Prof. Dr. Klaus-Peter Jünemann, erster Vorsitzender der Deutschen Kontinenz Gesellschaft fasste die Situation in einer Pressemeldung bereits letztes Jahr anlässlich der „Welt Kontinenz Woche“ wie folgt zusammen: „Die moderne Medizin bietet immer bessere Heilungschancen, sowohl bei Harn- als auch bei Stuhlinkontinenz. Stetige Weiterentwicklungen der Behandlungsformen und der diagnostischen Verfahren ermöglichen dies.“ Dennoch kommt es selbst heute noch zu Situationen, in denen sich Menschen, die an Inkontinenz leiden, immer stärker zurückziehen und sich von der Außenwelt geradezu abkapseln, anstatt sich Rat und Hilfe einzuholen. Dazu zählen zum Beispiel Querschnittgelähmte, die durch das häufige Kathedern mitunter mehrfach pro Jahr an Blasenentzündungen leiden. Durch die Entzündung kann es vorkommen, dass die Blase die sonst übliche Urinmenge nicht halten kann und es zu einer spontanen Urinabgabe kommt. Allein in meinem Bekanntenkreis gibt es einige Betroffene, die dann über Wochen lieber zu Hause bleiben, als das Risiko einzugehen, irgendwo unterwegs plötzlich sprichwörtlich im Nassen zu sitzen. Was natürlich in einer selbst auferlegten Isolation enden kann.
Es gibt aber auch Betroffene, die an einer überaktiven Blase leiden, was die Lebensqualität ebenfalls massiv einschränken kann. Denn die Notwendigkeit, sicherheitshalber ständig in Reichweite einer Toilette zu bleiben, verkleinert den Aktionsradius natürlich erheblich. Doch eine überaktive Blase lässt sich i.d.R. behandeln.
Neue Wege kennenlernen
Das A und O für alle Betroffene ist es, das Thema Inkontinenz offen anzugehen. Nur so erfahren sie von den neusten Möglichkeiten und können die auf ihre persönliche Situation passende Behandlung erhalten. Aber auch wer denkt, schon austherapiert zu sein oder meint, die Inkontinenz schon bestmöglich im Griff zu haben, sollte sich regelmäßig auf dem Laufenden halten. Ansonsten entgehen einem womöglich Neuerungen, die unter Umständen einen deutlichen Fortschritt in punkto Lebensqualität bedeuten. „Die urogynäkologische Landschaft verändert sich rasant, immer neuere Entwicklungen zur Behandlung von Harn- und Stuhlinkontinenz sowie Behebung von Beckenbodenfunktionsstörungen halten Einzug. Neue Operationstechniken und Materialien drängen auf den Markt, ein seriöser Überblick fällt immer schwerer“, so fassen Prof. Dr. Dr. Heinz Kölbl, 2. Vorsitzender der Deutschen Kontinenz Gesellschaft und der Oberarzt Dr. med. Gert Naumann von der Uni Mainz die derzeitige Situation zusammen. Was für Betroffene klar bedeutet, ärztlichen Rat dort einzuholen, wo die Spezialisten sitzen und arbeiten.
Eine dieser Neuerungen ist zum Beispiel der Einsatz von Botox. Zunächst sorgte der Wirkstoff Botulinum Toxin A, kurz Botox genannt, als Faltenkiller für Aufsehen. Mittlerweile hat Botox Einzug in die Urologie gehalten und wird sowohl bei Frauen mit Blasenfunktionsstörungen als auch bei Störungen nach Querschnittlähmungen, bei Parkinson oder Multipler Sklerose eingesetzt.
Zentren helfen weiter
Um seine eigene Inkontinenz in den Griff zu bekommen oder um eine/n Angehörige/n bei der Bewältigung dieses Problems zu unterstützen, stehen mittlerweile in Deutschland zahlreiche Anlaufstellen zur Verfügung. Doch leider ist selbst vielen Betroffenen nicht klar, wo sie sich informieren können. Als allererste und wichtigste Anlaufstelle dient die bereits erwähnte Deutsche Kontinenz Gesellschaft e.V.. Ihr gehören mehrere Dutzend Selbsthilfegruppen und hunderte von Beratungsstellen an (siehe hierzu auch den Infokasten). Sie betreibt eine professionelle Internetseite, auf der viele Fragen eingehend beantwortet werden. Aber weitaus wichtiger sind die dort gelisteten Anlauf- und Beratungsstellen. Darunter fallen vor allem die zahlreichen Kontinenz- und Beckenbodenzentren. Dank eines Suchsystems, das nach Postleitzahlen geordnet ist, kann ein jeder schnell und einfach ein Zentrum in seiner Nähe ausfindig machen.
Wie hochgradig spezialisiert die Zentren mitunter sind, zeigt das Deutsche Beckenboden Zentrum im St. Hedwig Krankenhaus Berlin eindrucksvoll. Es ist ein Lehrkrankenhaus der Charité und zudem die erste Klinik für Urogynäkologie in Deutschland. Das interdisziplinäre Zentrum umfasst die Fachgebiete Urogynäkologie, Urologie, Koloproktologie, Neurologie, Gastroenterologie, Radiologie, Physiotherapie und zudem auch noch die Ernährungsmedizin.
Doch manchmal benötigt man gar keinen Facharzt, sondern einfach nur einen Überblick über die auf dem Markt verfügbaren Hilfs- und Heilmittel. Auch hier wird den Betroffenen schnell und einfach geholfen. Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft e.V. hält eine gut sortierte und nahezu umfassende Liste von Anbietern auf ihrer Internetseite bereit. Somit ist die Internetseite zu einer wertvollen Anlaufstelle geworden, die viele Fragen rund um das Thema Inkontinenz ohne Vorbehalte beantwortet.
INFO: Hier wird geholfen!
- Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft e.V. wurde 1987 mit dem Namen Gesellschaft für Inkontinenzhilfe als gemeinnütziger Verein gegründet. Sie ist bis heute die wissenschaftliche Gesellschaft, deren Mitglieder Ärzte, Schwestern, Pfleger, Apotheker, Physiotherapeuten und Betroffene sind. Der Vorstand und der interdisziplinäre Expertenrat setzen sich zusammen aus: Urologen, Gynäkologen, Geriatern, Neurologen, Chirurgen, Medizinern der Physikalischen und Rehabilitativen Medizin und Vertretern aus Selbsthilfegruppen. Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft e.V. hat sich die Förderung von Maßnahmen zur Prävention, Diagnostik und Versorgung der Harn- und Stuhlinkontinenz zum Ziel gesetzt (Quelle: KontinenzAktuell 01/2011). Insgesamt vereint die Gesellschaft heute 47 Selbsthilfegruppen, über 1.000 Kontinenz-Beratungsstellen, 3 Kontinenz-Zentren, 49 Kontinenz- und Beckenboden-Zentren und 12 kooperierende Rehabilitationskliniken.
- Infoadresse: Deutsche Kontinenz Gesellschaft e.V., Friedrich-Ebert-Straße 124, 34119 Kassel, Tel.: 0561/780604, Email: info@kontinenz-gesellschaft.de, Internet: www.kontinenz-gesellschaft.de.
- Arbeitsgemeinschaft Gynäkologie, Geburtshilfe, Urologie, Proktologie (AG GGUP) im Deutschen Verband für Physiotherapie ZVK e. V. Ulla Henscher, Leiterin AG GGUP, Fundstr. 11, 30161 Hannover, Email: u-henscher@t-online.de, Internet: www.ag-ggup.de
- Selbsthilfegruppe „Erektile Dysfunktion“ (Impotenz). Leiter: Günther Steinmetz, Weiherweg 30A, 82194 Gröbenzell, Tel.: 08142/597099, Email: kontakt@impotenz-selbsthilfe.de, Internet: www.impotenz-selbsthilfe.de.
- ISG e.V. Informationszentrum für Sexualität und Gesundheit, Hugstetter Str. 55, 79106 Freiburg, Tel. 0761/270-2701, E-Mail: info@isg-info.de, www.isg-info.de.
