Manchmal braucht es spektakulärer Aktionen, um die Öffentlichkeit auf Sachverhalte aufmerksam zu machen. Das dachte sich Oliver Straub und plante kurzerhand eine Tour mit seinem Elektrorollstuhl vom Bodensee bis zum Bundestag in Berlin-Mitte.
Montag Nachmittag im September. Vor dem Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages herrscht der übliche Betrieb: Touristen und Klassenfahrtteilnehmer tummeln sich und versuchen, einen der Abgeordneten zu erkennen. Die Chancen sind groß, der Bundestag beginnt mit seinen Haushaltsberatungen.
An diesem Nachmittag ist die Chance sogar noch größer. Gemeinsam mit einer Gruppe behinderter Menschen versammeln sich die behindertenpolitischen Sprecher der Parteien und weitere Abgeordnete, um Oliver Straub zu empfangen.
Straub hatte sich vor zweieinhalber Woche mit zwei Begleitpersonen, ein Begleitfahrzeug und einem Ersatzrollstuhl in Ravensburg auf den Weg begeben, um den Leuten zu erzählen, warum wir unbedingt ein besseres Bundesteilhabegesetz brauchen. Vor allem den Politikern wollte er es sagen. Umso erfreuter war er über die Präsenz der Politprominenz und einen Empfang bei der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Ulla Schmidt.
Während die Fotografen noch über Aufstellungen und Hintergründe für ein schönes Gruppenfoto diskutieren, ist Oliver Straub so ganz ohne jedes Pathos um die Ecke gerollt. Begleitet wurde er auf seiner letzten Etappe von Potsdam nach Berlin von einer Eskorte aus Tandem-Fahrradfahrern des Allgemeinen Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes.
Diese bescheidene Ankunft entspricht überhaupt nicht seinem Anliegen. Seine Reise war zehn Etappen lang und in jedem Etappenziel gab es entweder Infostände oder Pressegespräche oder beides gleichzeitig. In Nürnberg fand beispielsweise der Infostand mit dem Behindertenrat zusammen statt, in Leipzig mit dem mobilen Behindertendienst. Es ist anzunehmen, dass in den Regionalmedien selten in so kurzer Zeit so synchron über das Bundesteilhabegesetz berichtet wurde.
Genau das wollte er erreichen. Außerhalb der Behindertenverbände weiß kaum jemand, um was es bei dem Bundesteilhabegesetz geht. „Ich darf nur 2.600 Euro ansparen, ich werde jedes Jahr geprüft, muss meine Konten freilegen und alles, was über 800 Euro an Einkommen hinausgeht, wird ebenfalls für die Assistenz herangezogen“, erklärt Straub. Hätten seine Eltern zum Beispiel ein eigenes Haus, könnten sie ihm das nicht vererben. „Ich dürfte das gar nicht haben. Alles, was mein eigenes Einkommen ist, müsste ich erst für meine Assistenz heranziehen. Ich darf auch kein Geld für die Altersvorsorge ansparen, ich darf mir kein Geld für ein eigenes Haus, für einen Urlaub, für ein Auto ansparen.“
In seinen Gesprächen an vielen Infoständen und in den Pressegesprächen ist Straub oft auf Erstaunen gestoßen. Keiner konnte verstehen, warum ein fleißiger Mensch, der im Rahmen seiner Behinderung genauso auf dem ersten Arbeitsmarkt tätig ist, seine Steuern bezahlt und seinen Beitrag für die Gesellschaft leistet, warum dieser Mensch künstlich, qua Gesetz sozusagen, auf Sozialhilfeniveau gehalten wird. „Ob ich zu Hause bleib und Fernsehen schau oder arbeiten gehe, es wäre dasselbe. “
Oliver Straub jedenfalls wollte sich nicht mit dieser Situation zufriedengeben. „Man möchte ja weiterwachsen, sich weiterentwickeln und das geht nur mit einem gewissen Budget, mit ein bisschen Geld.“ In ihm reifte die Idee für diese Fahrt. Schnell fand er Menschen, die ihn unterstützten. Das ganze Projekt kostete ihm 4.200 Euro. Er richtete sich ein Spendenkonto bei einem Verein ein. Sponsoren zahlten dort Geld ein. „Die Fördergemeinschaft Querschnittsgelähmter in Ulm hat mir 1.000 Euro gegeben“, betont er. Private Menschen haben ihn mit teilweise 200-300 Euro unterstützt. „Mein Zahnarzt, mein Steuerberater haben mir was gegeben. Den Rest habe ich über ein Crowdfunding-Projekt geholt, das waren auch noch mal 2.000 Euro.“ Eine Rollstuhlfirma sponserte die beiden Rollstühle, mit denen er unterwegs war.
Das Fazit seiner Reise ist eindeutig: „Es muss auf jeden Fall eine einkommens- und vermögensunabhängige Teilhabe geben für Menschen wie mich und andere, die auf Assistenz angewiesen sind. Arbeit muss sich wieder lohnen.“

