Als die Minuten am Morgen immer länger wurden, konnte sich Elvira Steiner kaum noch am Frühstückstisch halten: „Wann kann ich endlich ins TagesZentrum gehen?“. Die quälende Wartezeit bis zum ersehnten Beginn des gewohnten Tagesablaufs verursachte schließlich das Schlagen gegen ihren eigenen Kopf – und den Mitarbeiter/innen der Wohngruppe wurde klar: Frau Steiner möchte an den morgendlichen Abläufen anders teilhaben als durch andauernde Ermahnungen, noch ein bisschen Geduld zu haben.
„Wie können wir Menschen durch eine verständlichere Kommunikation bei der täglichen Umsetzung an der Assistenzplanung besser teilhaben lassen?“ lautete deshalb die Leitfrage einer Arbeitsgruppe der Albert Schweitzer Stiftung – Wohnen & Betreuen. Durch die jahrelangen Erfahrungen der Mitarbeiter/innen entwickelte sich schließlich im Laufe mehrerer Monate ein Ideenpool auf der Grundlage der sieben Lebensbereiche des sogenannten HMB-W-Bogens© von Frau Dr. Heidrun Metzler (Universität Tübingen).
Das Ziel bei der Entwicklung einer kreativen Hilfestellung war es, den Mitarbeitern die Ausgestaltung einer individuellen, maßgeschneiderten Kommunikation mit jedem Einzelnen zu erleichtern.
Laufende Waschmaschine
So entstand ein Ideenkoffer, der sich aus Fächern unterschiedlicher Lebensbereiche zusammensetzt und mit Gegenständen gefüllt ist, die zu dem jeweiligen Lebensbereich passen. Zentraler Ansatz dabei ist es, möglichst alle Sinne anzusprechen, um auch diejenigen zu erreichen, die ihre eigene Sprache nur eingeschränkt zielgerichtet einsetzen können – unabhängig davon, ob diejenigen sprechen können, blind sind oder bei Wartezeiten besonders hohen Stress empfinden.
Zum Beispiel gibt es im Fach „Alltägliche Lebensführung“ Düfte auf Tonplättchen wie Orangenöl oder Äpfel, um die Zubereitung unterschiedlicher Getränke und Mahlzeiten zu symbolisieren. Wenn Frau Steiner lernen möchte, ihre eigenen Gefühle wie z.B. Verärgerung auszudrücken, stehen gezeichnete Gesichter auf der „Bildtafel der Emotionen“1 zur Verfügung.
Das Angebot eines solchen konkreten „Ideenpools“ erleichtert die Entwicklung eigener kreativer Kommunikationswege – durch Hör-CDs mit Alltagsgeräuschen wie z.B. einer laufenden Waschmaschine, mit fotografierten Handlungsabfolgen beim Zähneputzen nach TEACCH oder auch mit konkreten Küchenmaterialien wie Messer und Gabel.
Genussvolles Frühstück
Diese zielorientierte Vorgehensweise wurde um das Fach „Persönliche Zukunftsplanung“ ergänzt: mit Hilfe dieses Werkszeugs werden vor Beginn einer Assistenzplanung zunächst einmal die Träume und Wünsche der Kunden zum zentralen Gesprächsthema gemacht – hier gibt es die Gelegenheit, auch langgehegte Utopien und ganz persönliche Wünsche zum Ausdruck zu bringen, ohne sich nach einer Assistenzplanung richten zu müssen.
Mittlerweile konnte Elvira Steiner mit einer einfachen Idee aus dem Ideenkoffer die Wartezeit auf die ersehnte Tagesstruktur erleichtert werden: Um ihr die verbleibende Zeit zu verdeutlichen, stellen ihr die Mitarbeiter 40 Minuten vor Ablauf der Wartezeit einen TimeTimer©, bei dem sie die verrinnenden Minuten durch die kleiner werdende rote Fläche nachvollziehen kann. Seitdem kann nicht nur Frau Steiner die Frühstückszeit wieder ganz anders genießen.
